Le Boche en Ardenne

Kaum zu glauben, denke ich, als ich an einem Tisch des Eiscafé Rocco in Bad Ems Platz nehme, dass mein letzter Besuch hier schon wieder mehr als zwei Jahre zurückliegt. Aber es stimmt, wie man im Bericht zur Rheinromantik-Tour 2024 nachlesen kann. Die Strecke bis hierher war beinahe dieselbe, ab hier sieht die Planung aber dieses Jahr anders aus: Moselaufwärts soll es bis Trier gehen, von dort dann in die luxemburgischen und belgischen Ardennen. Außer ein paar Orten, die ich besuchen möchte, ist noch nichts fest geplant – Entscheidungen werden flexibel unterwegs getroffen. Dass zu viel Planung ohnehin sinnlos ist, zeigt sich nur kurze Zeit später: Um Koblenz weiträumig zu umfahren war die Rheinquerung mit der Fähre bei Boppard geplant, die aber laut handgeschriebenem Zettel den Betrieb (vorläufig?) eingestellt hat. Also wieder rheinabwärts nach Koblenz, wo diverse Baustellen die Zufahrt zur Rheinbrücke zum Abenteuer werden lassen.

Irgendwann ist aber auch dieses Abenteuer bestanden und bei der Fahrt am Moselufer können Körper und Geist wieder entspannen. Ein Abstecher hoch zur Burg Thurant muss dann sein, und mit Blick auf die Uhr und im Sinne der Tradition buche ich, während ich die Aussicht genieße, ein Zimmer im Gasthaus zur Post in Klotten: Schon zweimal habe ich hier im Rahmen einer Ostertour übernachtet (2009 und 2017), und alle guten Dinge sind ja bekanntlich drei. Was mir leider bei der Buchung nicht bewusst war: Das Restaurant hat nur noch Freitag bis Sonntag geöffnet, auf die ausgezeichnete Küche muss ich also heute, am „Oster“-Dienstag, verzichten. Immerhin bietet die hervorragende Pizza Mista bei Giovanni einen leckeren Trost.

Burg Thurant thront über der Mosel…
…die davon unbeeindruckt ihre Schleifen zieht.
Eines der esten Motorradfahrerhotels: Die Post in Klotten…
…mit der schon fast legendären Motorradgarage

Ein ganz klein wenig seiner Kochkunst zeigt der Chef der Post dann am nächsten Morgen beim Frühstück: Das in viel Butter gebratene Rührei ist ein Genuss! Als ich kurz danach den Boxer zum Leben erwecke, ist es mit sieben Grad noch recht frisch, aber die Sonne scheint, die Mosel spiegelt das Sonnenlicht, Obstbäume und Forsythien blühen um die Wette – herrlich. Während ich so entspannt am Flußufer entlangrolle, bestaune ich die Abertausende Weinstöcke, die in teils atemberaubenden Steillagen die Landschaft prägen. Was, wenn die vielen Winzer keine Nachfolger finden, die sich die mühsame Arbeit im Weinberg noch antun wollen? Was wird dann mit dieser einzigartigen Kulturlandschaft passieren? Mosel-, oder z.B. auch Mittelrhein- oder Ahrtal, sind ohne Weinbau seit den Zeiten der Römer kaum noch vorstellbar.

Apropos Römer: Auch wenn ich Städte sonst eher meide, will ich, wenn ich schon hier bin, zumindest einen kurzen Blick auf die Porta Nigra werfen, also wird Trier nicht um-, sondern durchfahren. Ist aber halb so wild. Schon wenig später finde ich dann kurz hinter der Grenze nach Luxemburg einen beschaulich ruhigen Pausenplatz, dann geht es ausgeruht weiter durch das wunderschöne Müllerthal nach Beaufort – das seinem Name alle Ehre macht. Wie schon bei meiner Ardennentour vor zehn Jahren, steuere ich dann für einen fälligen Cappuccino das malerische Vianden an. Wie immer gut touristisch frequentiert, so dass es gar nicht so einfach ist, einen freien Tisch zu finden. Auf dem weiteren Weg nach Wiltz gibt leider mein betagtes Garmin den Geist auf, Navigation mit Handy im Kartenfach des Tankrucksacks ist durch die Blendung im grellen Sonnenlicht eine Herausforderung, aber ich will mich wirklich nicht über das Traumwetter beschweren! Ich finde auf kurvigen Sträßchen auch so mein Tagesziel Esch-sur-Sûre, wo ich mich im wundervollen Hotel de la Sûre einmiete. Ein wirklich einmaliges Ambiente, das Ronald Streumer und sein Team hier in den alten Burgmauern geschaffen haben. Ein Highlight ganz sicher die Terrasse mit Blick auf den Ort und heute von der Abendsonne beschienen. Da vergeht der Nachmittag mit Bier, Michelinkarte und Reiseführer wie im Fluge und schon ist es Zeit für ein leckeres Abendessen. Der dringend nötige Verdauungsspaziergang führt mich anschließend hinauf in die Burganlage, ich genieße Ausblick und Sonnenuntergang und beschließe den Abend schließlich in der urgemütlichen Hotelbar.

Berühmte römische Hinterlassenschaft in Trier: Porta Nigra
Willkommen im Ösling – wie der luxemburgische Teil der Ardennen auch genannt wird
Beaufort – heißt übersetzt etwa „schöne Festung“. Passt für Beaufort in den luxemburger Ardennen definitiv!
Der malerische Ort Vianden wird bewacht…
…von dieser nicht minder malerischen Burg
Malerisch kann Esch-sur-Sûre allerdings auch!
Unbedingter Übernachtungstip: Hotel de la Sûre
Hotelterrasse von der Abendsonne verwöhnt
Für mich ein Highlight jeder Motorradtour: Nach einem tollen Tourtag auf der Hotelterrasse zu sitzen, die gefahrene Strecke auf der (Michelin!-)Karte nachzuvollziehen und gleich den nächsten Tourtag zu planen
Nach dem Abendessen dann ein Verdauungsspaziergang zur Burg…
…um den Abend dann in der Hotelbar ausklingen zu lassen

Adieu Luxemburg, bienvenu in Belgien. Einen sichtbaren Grenzübergang gibt es zwar nicht, aber der schlagartige Wechsel des Straßenbelags von „superb“ zu „endurotauglich“ zeigt dennoch an, dass man gerade ein selbst für europäische Verhältnisse sehr wohlhabendes Land verlässt. Schön und kurvig ist’s aber auch hier, der erste Stop wird an der Abtei von Orval eingelegt. Ich begnüge mich mit einem Blick von außen, für eine intensive Besichtigung der weitläufigen Klosteranlage scheinen mir die Motorradstiefel nicht das geeignete Schuhwerk. Über St. Hubert und Rochefort lasse ich mich dann auf kleinen Sträßchen nach Dinant treiben – die Uferpromenade an der Maas ist der ideale Ort, um eine ausgedehnte Mittagspause einzulegen, zumal hier genau nach der Hälfte der Zeit der westlichste Punkt der Tour erreicht ist. Heißt aber: Das Glas ist noch halbvoll, also los, die nächsten schönen Kurven genießen. Nächstes Ziel: Die Perle der Ardennen, La Roche en Ardenne. Gefällt mir spontan so gut, dass ich bei einem Eis auf dem Marktplatz direkt ein Hotel vor Ort buche. Nach Check-In und Dusche ein ausgedehnter Spaziergang durch den Ort, das macht genügend Hunger um eine belgische Institution anzusteuern: Eine Friterie. Danach finde ich eine Brasserie mit Terrasse direkt am Ufer der Ourthe um diverse belgische Biere zu verkosten. Kein wirklicher Diättag heute…

Die Abtei von Orval zählt zu Europas größten Klosteranlagen
In Dinant wurde der Erfinder des Saxophons geboren, außerdem lockt die Promenade am Maasufer…
…mit zahlreichen Cafés sowie…
…so manch schöner Aussicht 😉
La Roche en Ardenne wird auch die Perle der Ardennen genannt. Verständlich!
Die hübsche Innenstadt von La Roche…
…hat leider auch düstere Zeiten erlebt
Typisch für Belgien: Die enorme Bierauswahl. Auch wenn Anhänger des Reinheitsgebotes bei mancher Sorte die Nase rümpfen
Das lokale Bier aus La Roche schmeckt jedenfalls nicht schlecht und wird in sehr eigenwilligen Bechern serviert

Die angefutterten Fettreserven brauche ich am nächsten Tag aber wirklich: Bedeckt und kalt ist es, als ich das Motorrad aus der freundlicherweise vom Hotelier zur Verfügung gestellten Garage schiebe. Nur gut, dass die Strecke noch tolle Kurven zum Warmfahren bereithält. Die Strecke über Chevron, Stoumont, Coo, Trois Ponts und Stavelot nach Malmedy ist ein landschaftlicher und fahrerischer Hochgenuss. Danach heißt es langsam Abschied nehmen von den Ardennen, was bei der Fahrt über das Hohe Venn aber nicht abrupt, sondern allmählich passiert: Die Hochfläche gehört sowohl zu den Ardennen wie zur Eifel. Saukalt ist es an diesem Tag hier oben ebenfalls beiderseits der Grenze. Zum Aufwärmen steuere ich das Bistro Cockpit in Adenau an, direkt an der Zufahrt Breidscheid am Nürburgring. Das auch an diesem Tag Betrieb ist in der grünen Hölle ist dabei nicht zu überhören: Der Sound der Motoren auf dem Weg Richtung Bergwerk ist definitiv eine akustische Aufwertung im Vergleich zum gerade im Bistro laufenden Radioprogramm. Im Gegensatz zur Hinfahrt freue ich mich dann regelrecht auf die Durchfahrung von Koblenz, ist es hier unten am Rhein doch mit 13° fast angenehm warm (jedenfalls im Vergleich zu den fünf Grad auf dem Hohen Venn). Im Westerwald wird’s dann wieder kühl, aber nicht mehr ganz so kalt. In Bad Marienberg quartiere ich mich in der Steig-Alm ein, als letztes Abendmahl (für diese Tour) gönne ich mir ein ausgezeichnetes Wildgulasch. Am nächsten Tag noch vorbei an der Lahnquelle, und ab Sauerland sind es dann schon mehr oder weniger Hausstrecken, die mich schließlich wieder bis vor die heimische Garage führen – womit eine schöne Ostertour leider viel zu schnell vorbei ist.

Letzte Pause in den Ardennen, bei Malmedy

10 Comments

  1. Wunderschöne Tour durch eine Gegend, die in Motorradfahrerkreisen unterschätzt ist. Obwohl …. Es gibt ja ganze Motorradtourenratgeber zu dieser Gegend. Ist also vermutlich doch nicht so unterschätzt. Und warum sollte man auch nicht hinfahren? Pommes, Pralinen, Bier, Saxophone … das ist doch alles eine Reise wert. Und die ist dann zu schnell vorbei.
    Danke fürs Mitnehmen!

  2. Mei, schee scho, aber abgelegt.
    Die Korrektur hat mir einen Streich gespielt. Statt abgelegt sollte es abgelegen heißen.
    Hochdeutsch: Sehr schön dort, aber für einen Müchner ziemlich weit weg.Weißt, von München Nach Nach Dinant ist’s halt genauso weit, wie von München nach Savona – und da (Ligurien) ist das Wetter oft schöner und weniger wechselhaft.
    Drum haben wir die Ardennen noch nicht besucht – aber wir sind ja noch jung und Dein Ostertripp ist durchaus anregend. Und da wir die Eifel schon (mehrfach) bereist haben, werden wir, wenn die Eifelsucht mal wieder durchschlägt, dieEifel um die Ardennen erweitern.
    Maxmoto

  3. Eine sehr schöne Route bis Du da gefahren. Wenn man ein bisschen Zeit mitbringt, kann man in dieser Gegend sowiewo nichts falsch machen. Bei urg Reuland im Mai/Juni übernachten und am sonnigen Morgen auf der Terasse Frühstücken. Dabei das Plätschern des Baches und das Singen der Vögel geniessen. Dort in einer Idyllischen Umgebung , an so einem Tag kann nichts mehr schief laufen.

  4. Viel schöne Gegend für das Auge und Gemüt. Hat mir so gefallen, dass ich den Bericht gleich nochmals lesen wollte, um mir auch die Orte für eine mögliche Tour nächstes Jahr zu notieren. Herzlichen Dank dafür 🙏👍.
    Ich glaub, ich muss den Max anrufen 😉

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