Lombardei 2026

Es ist immer wieder ein besonderer Moment, wenn sie auf einer Tour zum ersten Mal am Horizont auftauchen: Die Alpen. Mein Sehnsuchtsziel, seit ich Motorrad fahre. Dieses Mal ist es kurz vor meinem geplanten ersten Übernachtungsort in Marktoberdorf soweit: Noch schemenhaft, aber doch schon majestätisch gerät der Alpenkamm einem Scherenschnitt gleich in das Blickfeld. Die Tour heute habe ich zeitlich optimal geplant: In Ruhe duschen, dann wenige hundert Meter zum Biergarten beim “Burger” spaziert, dann zieht sich der Himmel zu und öffnet wenig später, begleitet von Blitz und Donner, seine Schleusen. Ich sitze das Gewitter unter einem Vordach gemütlich aus. Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei, und der Rückweg zum Hotel kann im Trockenen zurückgelegt werden.

Am nächsten Morgen dann geht diese Tour so richtig los: Schnell bin ich im Tannheimer Tal, am Hahntennjoch, auf der Pillerhöhe. An der Zufahrt zum Reschenpass kurz hinter Pfunds ist die Baustellenampel rot, ein Schild weist auf eine Wartezeit von 15 Minuten hin. Dann lieber drehen, kurz in die Schweiz nach Martina und von dort rüber nach Nauders. Hat auch den Vorteil, gleich noch ein paar mehr Kurven und Kehren mitzunehmen – obwohl es daran in den nächsten Tagen wahrlich nicht mangeln wird! Der Reschensee wird diesmal westlich umfahren, und dann steht schon der “König” der Alpenpässe an: Das Stilfser Joch (Passo Stelvio). Der Verkehr und vor allem der Trubel auf der Passhöhe entspricht dem üblichen Wahnsinn, aber zugegenermaßen bin ich selbst ja gerade ein Teil davon. Ein Erlebnis ist es allemal, aber während ich mir einen Gipfelcappuccino gönne, denke ich wehmütig an 2016 zurück, als ich hier oben im Mai übernachtet habe und die Passhöhe abends beinah für mich alleine hatte – das bleibt unvergesslich! Es ist zumindest kein Wochenende, und anders als beim letzten Mal vor zwei Jahren ist die Abfahrt nach Bormio kein einziger Stau, sondern einigermaßen entspannt. Bis zu meinem endgültigen Ziel ist es jetzt nur noch ein Katzensprung: Der Passo del Mortirolo, der aber eigentlich der Passo della Foppa ist. Im Netz gibt es einige Verwirrung darüber, Wikipedia klärt auf: “Ursprünglich lag der Mortirolopass einige hundert Meter weiter nördlich auf einer Höhe von 1892 m; der heutige Pass wurde als Passo della Foppa bezeichnet. Der nördlichere Weg verlor jedoch ebenso wie der Name des südlichen Weges an Bedeutung, und heute bezeichnet man den Scheitelpunkt der Passstraße als Passo del Mortirolo.” Aber Namen sind letztlich ja ohnehin Schall und Rauch und ich genieße vom Namensstreit völlig unbeeindruckt die Fahrt auf der schönen Passstraße. Kurz hinter der Passhöhe ist dann meine Unterkunft für die nächsten fünf Tage erreicht: Das Hotel Belvedere in einer absoluten Traumlage: Der Blick von der Terrasse wie auch vom Balkon meines Zimmers ist einfach nur atemberaubend. Ein Hirschgulasch später weiß ich dann, dass auch das Essen hervorragend ist – alles richtig gemacht also bei der Hotelauswahl.

Reschensee
Bei der Auffahrt zum Stelvio
Trubel am Stilfser Joch
Die berühmten Kehren
Blick zum Ortler, mit Tibethütte im Vordergrund
Mortirolo-Pass
Meine Unterkunft am Mortirolopass: Hotel Belvedere…
…und der Blick von meinem Balkon dort

Der “Denzel” bezeichnet ihn als einen der engsten asphaltierten Alpenpässe: Den Passo Vivione. Tatsächlich sind Straßenbreiten von 2-3 Meter, fehlende Sicht und teilweise fehlende Randsicherung nicht ohne, und das Durchschnittstempo erreicht nicht einmal 30 km/h. Dafür aber landschaftlich ein Hochgenuss! Nach einer ausgiebigen Pause auf der Passhöhe erreiche ich über Schilpario und Boario Terme schließlich Prestine und wenig später die Nordwestrampe des Passo di Croce Domini. Eigentlich wollte ich über diesen noch eine Runde über den Manivapass oder sogar noch weiter über den Passo della Spina und Idrosee fahren, aber angesichts der fortgeschrittenen Zeit verzichte ich schweren Herzens und steuere stattdessen über Astrio, Breno und Edolo das kleine Örtchen Ronco an, wo eine schmale und steile Auffahrt (bis zu 25%) über Doverio und Passo di Guspessa zum Mortirolo beginnt. Nach dem Anstieg über zahlreiche Kehren erreicht man den Abzweig zum Passo Aprica bzw. Tirano, ab jetzt verläuft die Straße als Kammstraße zunächst durch dichten Lärchenwald, gibt irgendwann aber immer wieder traumhafte Blicke Richtung Puschlav und südliche Berninagruppe frei. Zwischen dem Passo di Guspessa und dem Mortirolo/Foppa liegt in wunderschöner Lage die Alpe Möta. Hier gibt es wahlweise Käse oder Eis aus eigener Herstellung. Ich entscheide mich an diesem warmen Sommertag für Eis und genieße selbiges auf der Bank an der abseits der Alpe liegenden Kapelle. Genau einer jener Momente, die gerne ewig währen dürften! Aber schließlich währt auf dieser Welt nichts ewig, und so raffe ich mich irgendwann auf, um die letzten wenigen Kilometer zum Hotel zu absolvieren, wohl wissend, dass dort beim Stiefelbier auf der Terrasse der nächste Ewigkeitsmoment schon wartet.

Am Passo Vivione
Enge Straßen kennzeichnen den Vivione
Links geht es nach Ronco, rechst zum Aprica bzw. nach Tirano
Alpe Möta, das Eis ist zu empfehlen!
Kapelle an der Alpe Möta

Über mein erstes Ziel am nächsten Morgen gibt es im Netz widersprüchliche Informationen, ich beschließe, mein Glück einfach zu versuchen. Über Bormio geht es zunächst Richtung Livigno, dann biege ich ab zum Passo Torri di Fraele. Schon im unteren Teil, zwischen Kehre 18 und 17, wird eine Maut von 5,- € erhoben, dann folgen die 17 dicht übereinander liegenden Kehren. Nach den beiden Scheiteltunnels hat man dann die Türme erreicht. Die Straße führt dann zunächst am kleinen, bei Anglern beliebten Lago delle Scale vorbei und erreicht das Ristorante “Monte Scale”. Ab hier beginnt die Schotterstrecke um die beiden Stauseen Lago die Cancano und Lago di San Giacomo. Diese ist jedoch an diesem Tag für Kraftfahrzeuge gesperrt, was auch kontrolliert wird. Ob dieses Fahrverbot nur in den Monaten Juli und August, oder inzwischen ganzjährig besteht, konnte ich nicht endgültig klären, für mich ist jedenfalls hier Schluss und ich kehre um. Über Bormio erreiche ich San Catarina an der Strecke zum Gavia und biege hier ab in das malerische, aber mautpflichtige (10,- €) Fornotal, die Straße endet an der Albergo Ghiacciaio dei Forni, auch bekannt als Buzzihütte auf gut 2.100 Metern. Noch etwas höher hinauf geht es dann anschließend auf dem Gaviapass mit gut 2.600 Metern. Bei der Weiterfahrt erinnere ich mich, dass dessen Südrampe bei meiner ersten Befahrung 1990 noch nicht komplett asphaltiert war. In Ponte di Legno entschließe ich mich kurzerhand, noch die acht Kilomter zum Tonalepass hoch- und wieder hinunterzufahren – die Südrampe weist ein paar schöne Kurvenkombinationen auf, und Kurven kann man ja nie genug haben. Anschließend geht es dann über Monno wieder zum Mortirolo, ich fahre aber, da es noch früh ist, am Hotel vorbei und direkt hinter der Albergo Passo Mortirolo biege ich scharf rechts ab. Ein kleines und zunehmend schlechtes Sträßchen führt zum unscheinbaren Col di Val Bighera, der nicht einmal ein Hinweisschild aufweist. Dass man die Passhöhe auf 2.087 Meter erreicht hat merkt man nur daran, dass die Straße nun berab führt. Das tut sie über einige enge Kehren noch etwa fünf Kilometer, dann endet der feste Belag und ein Sperrschild macht unmissverständlich klar, dass die Weiterfahrt hinab nach Vezza d’Oglio nur Mountainbikefahrern vorbehalten ist. Ich kehre um und gönne mir noch eine Rast an einer besonders schönen Stelle, bevor ich dem Ruf des kühlen Terrassenbieres nicht mehr widerstehen kann.

Passo Torri die Fraele
Einer der Türme
Am Ende der Straße im Fornotal
Auf dem Gavia…
…ist auch Betrieb, aber kein Vergleich zum Stelvio
Tonale-Pass
Rast unterhalb des Col di Val Bighera

Am nächsten Morgen sitze ich unentschlossen beim Cappuccino, schaue abwechselnd durchs Fenster auf einen wolkenverhangenen Himmel und in die Wetter-App auf dem Handy. Es wird wohl nicht durchgängig regnen, aber die Chancen, gänzlich trocken zu bleiben, stehen bei genauerem Blick auf das Regenradar wohl eher bei Null. Ich fahre trotzdem los, plane aber eine kürzere Strecke. Eigentlich. Ich nehme zunächst die Panoramastraße an der Alpe Möta und dem Guspessa vorbei, fahre aber diesmal nicht nach Ronco, sondern an der halb verfallenen Chiesa di Santa Christina vorbei zur SS39, dann über Tresenda zur SS38, die mich nach Sondrio führt. Es ist noch trocken und hier unten im Tal sogar so warm, dass ich anhalte und den beim kühlen Start auf 1.800 Meter Höhe vorsorglich angezogenen Pullover wieder ausziehe. Klar, dass es kurz danach anfängt zu regnen und bei der Auffahrt Richtung Chiesa In Valmalenco auch wieder deutlich kälter wird. Der Genuss auf der eigentlich sehr schönen Straße nach Chiareggio wird dadurch etwas getrübt. Nach einem Cappuccino dortselbst hört aber zumindest der Regen auf, ich fahre, wieder mit Pullover, wieder hinunter nach Chiesa, um dort Richtung Franscia und Alpe Gera abzubiegen, aber leider ist die Straße direkt vor den ersten Tunneln wegen Bauarbeiten gesperrt. Wieder in Sondrio wäge ich dann meine Alternativen ab: Wieder zurück zum Hotel, oder angesichts der durch die Sperrung gewonnen Zeit doch noch den Passo San Marco mitnehmen? Da der Himmel in letzterer Richtung heller scheint als in ersterer, entscheide ich mich für den San Marco. Um dann – beinah möchte man sagen: natürlich – zu erleben, dass mit Beginn der ersten Kehren der Regen wieder einsetzt und mit jedem Meter stärker wird. Und mit jedem Höhenmeter fällt die Temperatur. Auf der Passhöhe zeigt das Bordthermometer 11 Grad. Schade, denn Pass und Landschaft sind eigentlich wunderschön. Richtung Süden sieht es heller aus, also weiter. Kurz vor San Pellegrino Terme hört dann erstens der Regen auf, kommt zweitens sogar die Sonne raus, und beginnt drittens eine Kette von Fehlern: Die mit Kurviger.de geplante Route möchte mich von Camerata Cornello nach Dossena führen. Nach zwei Kehren steht eine Durchfahrtsverbotsschild. Die haben ja in Italien oft eher den Charakter von “Fahr ruhig durch, aber auf eigene Gefahr”. Also fahre ich nach kurzem Zögern weiter (erster Fehler). Einige kehrenreiche Kilometer weiter endet der Asphalt und zwei Betonpoller verhindern zuverlässig eine Weiterfahrt. Hätte ich beim Zustand des schon halb zugewachsenen Schotterweges auch nicht gewollt. Etwas genervt wieder hinunter ins Tal. Dort dann in der Navi-App einen Punkt auf der weiteren geplanten Strecke eingegeben und die vorgeschlagene Route dorthin dann nicht mehr genauer überprüft (zweiter Fehler). Und dann – dritter Fehler – viel zu spät gemerkt, dass diese Route nicht die gewollte Nebenstrecke über Valpiana nimmt, sondern auf Hauptstraßen die Außenbezirke von Bergamo streift. Wo ich mich dann am Freitagnachmittag bei inzwischen 35 Grad im Berufsverkehrsstau wiederfinde. Auch auf der weiteren Strecke über Lovere und Breno bis Capo di Ponte ist dann “italienische Stauumfahrung” angesagt, dann wird es besser und ab Monno kann ich die letzten Kilometer bis zum Mortirolo dann wieder ohne Verkehr genießen. Die “verkürzte” Tour summiert sich am Ende auf 380 Km. Der Ärger über den Navigationsfehler verfliegt dann aber schnell beim Abendessen: Als Primo gönne ich mir Piöde, eine lokale Spezialität: Eine Art Gnocchi mit Käse, Röstzwiebeln und (viel!) Butter, als Secundo dann Roastbeef und Insalata Mista. Seeeehr lecker!

Straße nach Chiareggio
Trübes Wetter dortselbst
Abendstimmung von der Hotelterrasse

Bewusst lasse ich es am nächsten Tag dann ruhiger angehen, es gibt nur eine 170-Kilometer Tankrunde nach Livigno und über den Bernina zurück, wobei ich mir noch einmal die Panoramstrecke über den Guspessa gönne, diesmal die Auffahrt von Tirano über Gilera nehmend. Den Nachmittag verbringe ich dann damit, noch einmal ausgiebig die Aussicht von der Hotelterrasse zu genießen! Nach einem sehr herzlichen Abschied wähle ich am nächsten Tag wieder den Weg über den Bernina, den Stelvio an einem Sonntag muss ich nicht haben. Es folgen Unterengadin, Inntal, Pillerhöhe, Hahntennjoch und Tannheimer Tal, und schon wenig später der traurige Moment, in dem die Alpen ein letztes Mal schemenhaft im Rückspiegel grüßen. Ich grüße zurück, verbunden mit dem Versprechen, wiederzukommen!

Bei Livigno
Am Bernina-Pass

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